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July 15, 2010

Über die eiskalte Logik der ICE-Klimastörungen

Ab 32 Grad Aussentemperatur aussteigende Klimaanlagen gab’s im ebenfalls heissen Sommer vor 7 Jahren nicht. Oder zumindest nur vereinzelt. Dass die gleichen –inzwischen 7 Jahre älteren– Klimaanlagen jetzt ab 32 oder 35 Grad etwas zicken, kann nur an der Erderwärmung liegen. Sagt die Bahn. Schön formuliert, und echt glaubhaft.

Ist doch logisch: Klimaanlagen dienen dem Komfort, und nicht der Sicherheit. Auch in Zügen, in denen sich die Fenster nicht ohne Einsatz des Nothammers öffnen lassen, sind Klimaanlagen keine sicherheitsrelevanten Komponenten. Weil es dafür keine Vorschriften des EisenbahnDingsdaAmtes gibt. Noch nicht einmal im Sommer, und schon gar nicht für die DingsdaBahn. Ergo: die börsengangorientierte Bahn ist nicht gesetzlich dazu gezwungen, die verflixten Klimakisten zu warten. Sie tut das demnach auch nicht, weil es ja Geld kosten könnte. Perfekt legal, und irgendwie logisch.

Prima Ausrede. Die anderen sind schuld. In diesem Fall eine wehrlose Erde, die unter fortschleichender Erwärmung leidet, und ein nicht viel schnellerer Gesetzgeber, der notwendige Aktualisierungen veralteter Legalitäten in Richtung des aktuellen Standes der Technik noch viel langsamer als im Schneckentemo vornimmt, nämlich gar nicht, weil die Politiker entweder von der DingsdaBahn bestochen sind, oder volksfeindliche Eigeninteressen aus anderen –genauso kommerziellen– Gründen verfolgen. Na ja, manche von den Eierköppen mögen nach Amtsantritt auch einfach dem bestechenden Liebreiz der diätengestützen Faulheit erlogen [sic] sein. Egal.

An solchen Mist sind wir gewöhnt. Renitente Bahnfahrer sind wahrscheinlich selber schuld wenn sie im ICE schwitzen, dehydrieren, und schliesslich kollabieren. Sie hätten ja auch fliegen oder das Auto nehmen können. Oder ihr Bewegungsbedürfnis einfach den Witterungsverhältnissen anpassen können. Die Südländer haben die Siesta ja schliesslich nicht ohne zwingenden Grund erfunden. Was kann die arme Bahn dafür, wenn Mensch Meier immer noch nicht realisiert hat, dass wir zwar gestern Scheisswetter hatten, heute aber schon nicht mehr in einer gemässigten Klimazone wohnen, und uns morgen entweder eine Oase in der Wüste basteln oder den fälligen Bausparvertrag an Hitzefluchthelfer verramschen werden müssen.

Der geneigte Leser mag sich inzwischen fragen, warum es dieses redundante Wortgewitter überhaupt bis ins Internet geschafft hat. Wie kann es existentberechtigt sein, während die ganze Republik von mehr oder weniger gleichlautenden Pamphleten überschwemmt wird, die alle die gleichen Argumente vorbringen, aber weder die PR Abteilung der Bahn noch die sommerfrischenden Damen und Herren Volksvertreter sonderlich beeindrucken.

Nun ja, das Obengesagte versteht sich als Präambel einer besonderen Gemeinheit. Ich beabsichtige, mittels der schriftlichen Niederlegung einer persönlichen Leidensgeschichte zu beweisen, dass es offensichtlich doch ausreichende Vorschriften für Hitzestaus in ICE Zügen gibt. Nicht dass ein Solar-Backofen der Baureihe 1 oder 2 sich um Vorschriften für Hitzeangelegenheiten sonderlich kümmert. Nein, nein, weit gefehlt. Natürlich geht es hier um Verhaltensvorschriften für Bahnpersonal beim spontanen Auftreten übermässiger Hitze im Zug. Diese sind tatsächlich hervorragend dazu geeignet, auftretende Temperaturprobleme zu meistern.

Gestern nachmittag (14.7.2010) schwitzte ich im ICE20 (Wagen 27, Platz 106) von Wien nach Frankfurt schon einige Stunden vor mich hin, als mich eine Durchsage des Zugchefs aus meinem beginnenden Koma riss: “Aus technischen Gründen ist das Bordbistro ab sofort geschlossen, wir bitten um Ihr Verständnis für diese Massnahme”. Na toll, dachte ich so vor mich hin. Da sind wohl die Getränke ausgegangen. Kein Wunder, der Zug ist gut besetzt, und mehr als ausreichend geheizt, da werden wohl die Passagiere die Bar leergesoffen haben.

Was für ein Fehlschluss! Selten habe ich so danebengelegen, wie ich kurz darauf von einer zwar sehr genervten, aber dennoch um Freundlichkeit bemühten Zugbegleiterin erfahren konnte.

Das Bistro wurde geschlossen (im Sinne von mittels abgeschlossener Türen wirkungsvoll von den angrenzenden Wagons abgetrennt), weil darin ein Temperaturlimit von 40 Grad überschritten wurde. Ab 40 Grad Innentemperatur ist es den Bahnmitarbeitern nicht mehr gestattet, im Bistro zu arbeiten.

Ungeschickterweise befanden sich alle Getränkevorräte des Zuges, und zwar gut gekühlt, im Bistro. Das Personal war wenigstens ehrlich, wenn auch strikt: “Ja, es gibt ausreichend Getränke, aber Nein, ich darf da nicht rein, kann Ihnen also auch kein Wasser verkaufen.”

Umgangssprachlich formuliert: “Ist mir doch scheissegal ob Sie verdursten oder nicht. Hauptsache, ich komme nicht ins Schwitzen.”

Wow. Perfide, aber eiskalt logisch. Ein paar hundert Passagiere müssen dursten, weil eine Handvoll Zugbegleiter aus formalen Gründen nicht an den Kühlschrank darf. Noch Fragen?

In der Tat. Kurz nach diesem aufschlussreichen Gespräch mit der blonden Zugbegleiterin rauschte ein Zufriedenheitsbeauftragter durch die Gänge, und nötigte uns ‘eh schon geplagte Pilger mit laut vorgetragenden platten Sprüchen dazu, einen vierseitigen Fragebogen bzgl. der Professionalität des Zugpersonals auszufüllen.

Natürlich habe ich nur die Frage nach der Verständlichkeit der vermeintlich englischsprachigen Durchsagen wahrheitsgemäss beantwortet. Aber die Luft war raus, das allgemeine Gemecker verstummte nach und nach in passiver Frustration. Der aufkeimende Aufruhr war gebannt. Was für eine geniale Taktik, vielleicht besser bezeichnet als komatisierende Konfliktbeseitigungstechnik. Fast so gut wie Opium für’s Volk.

Ich hatte den Kopf voll mit wichtigeren Dingen, es wäre mir gestern also niemals in den Sinn gekommen, diesen seit Jahren toten Blog mittels eines Sch(w)eiss-Bahn-Artikels wiederzubeleben. Aber es kam noch schlimmer, und zwar heute.

Während ich heute gegen Abend in einem wohlklimatisierten Leihwagen von Fulda kommend in Richtung Ruhrgebiet lustwandelte, hat mir das Autoradio das ultimative KO versetzt, und zwar weit unter die Gürtellinie zielend. WDR2 erdreistete sich, eine aktuelle Stunde (oder so ähnlich) zum gestrigen Reizthema mit einem Pressesprecher der Bahn abzuhalten. Ein paar (sinngemäss erinnerte) Zitate des bahneigenen Göbbels aus dieser Sendung:

“Sicherheit ist bei der Bahn das oberste Gebot. Wir würden niemals einen technisch nicht einwandfreien Zug einsetzen. Verstösse gegen Sicherheitsauflagen können wir uns schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten.” Klar doch, Regresse etc. sind teuer. Ihr versucht es aber doch, ein paar tausend mal am Tag.

“Das Zugpersonal hat ausreichend Ermessensspielraum, um im Interesse der Reisenden auf solche Situationen zu reagieren. Der Zugchef kann im Zweifelsfalle den Zug anhalten lassen, und das Personal ist angewiesen, bei Bedarf z.B. kostenlose Getränke auszugeben.” Sicher doch, wenn es denn an den Kühlschrank gehen darf.

“Es handelt sich um wenige Einzelfälle, nur 44 ICEs von 30.000 Zügen mussten heute wegen ausgefallener Klimaanlage ausser Betrieb genommen werden.” Statistikbetrug, nur die wenigsten Züge haben überhaupt eine Klimaanlage (es gibt keine 30.000 ICE Züge, die Zahl schliesst auch jede 50 Jahre alte S-Bahn ein).

Geliebte DingsdaBahn, du hast jetzt endgültig verschissen. Und zwar rückwirkend bis in die (behördliche) Steinzeit. Früher war die Bundesbahn ein Haushaltsrisiko. Heute ist sie ein hochprofitables Gesundheitsrisiko. Go figure.

Filed under: Marketing, Angewandter Irrsinn — Sebastian @ 2010-07-15 10:08 pm

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