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March 30, 2006

Flyers aus Abmahnistan

Das inzwischen für kritische Äusserungen wird insbesondere von Internet-Laien als Marketinginstrument eingesetzt. Aber bitte mit Vorsicht: was offline geht, geht online schief. Unkenntnis schützt vor nicht, deshalb hier anhand der in Auszügen veröffentlichten Abmahnung ein paar Hintergrundinformationen und Ratschläge für die Firma F.:

Die Anmeldung und Bewerbung Ihrer privaten Homepage unter dem Suchbegriff “f.” bei Suchmaschinen ist rechtswidrig. Wir fordern die Beseitigung der Einträge unter dem Suchbegriff “f.”.

Eine “Anmeldung” bei Google war zur Indexierung nicht erforderlich. Google’s crawler Googlebot folgte einfach den Navigationslinks des Blogs um die bemängelte Web page vom 31. Januar 2005 zu indizieren.

Eine “Bewerbung des Suchbegriffs [f.]” bei Google hat nach Prüfung des heutigen Standes dieser Web page nicht stattgefunden. Selbst wenn der source code dieser Web page einen keywords meta tag mit dem Schlüsselwort “f.” enthalten hätte, so wäre dieser von Google ignoriert worden. Die Auffindbarkeit der beanstandeten Web page unter dem Suchbegriff “f.” resultiert im Wesentlichen aus dem Inhalt des Titels “hessis weblog: Erfahrungen mit flyerpilot.de”, dessen Intention offensichtlich nicht das Bewerben des Suchbegriffes “f.” ist, und der mehrfachen Nennung von “f.” im Text des Artikels sowie insbesondere in den von Dritten eingebrachten Kommentaren.

IANAL, aber ich kann in der Duldung der Indexierung durch eine Suchmaschine keine Rechtswidrigkeit erkennen. Suchmaschinen wie Google indexieren jeglichen im Internet erreichbaren Inhalt, und priorisieren jedes gefundene Dokument nach ihren eigenen Regeln, auch die Web site der . Es ist zwar technisch möglich die Indexierung durch Suchmaschinen zu verhindern, aber das ist weder üblich, noch — in der Regel — dem technischen Laien oder privaten Blogger bekannt.

Selbst wenn der Blogger sich jetzt kundig machen und durch einen Eintrag in der robots.txt Datei seines Web servers Suchmaschinen den Zugriff auf die beanstandete Web page untersagen würde, hätte das nicht die Entfernung aus Google’s Suchindex zur Folge. Google würde die Web page weiterhin in den Suchergebnissen listen. Selbst wenn die Web page gelöscht würde, offeriert Google dem Benutzer noch die in Google’s Datenbank gespeicherte .

Der Blogger hat seinen Artikel nicht aktiv in Google’s Index eingebracht. Er verfügt weder über ein Instrument, um den einmal erfolgten Eintrag in Google’s Suchindex dauerhaft zu löschen, noch über eine wirksame Möglichkeit, die Positionierung seiner Web page in Google’s Suchresultaten für den Suchbegriff “f.” zu beeinflussen. Er kann daher der Forderung gar nicht nachkommen.

Selbst wenn er das könnte, hat die Klageandrohung dazu geführt, daß solidarische Blogger rund um den Globus die ursprüngliche — bei Google und anderen Dienstleistern immer noch erhältliche — Fassung des Artikels republizieren werden. Aus einem einzigen kritischen Kommentar werden so unzählige negative Erwähnungen der Firma F., möglicherweise werden einige davon bald die Internetpräsenz der Firma F. von der Position-1 der Suchresultate verdrängen.

Gleichzeitig informieren wir Sie darüber, dass wir uns auch an Google Deutschland wenden, um die Gründe für das Ranking ihrer privaten Seite auf Platz 2 der Trefferliste zu erfahren.

Google Inc. betrachtet solche Informationen als Geschäftsgeheimnis, die secret sauce der Ranking-Algorithmen wird besser bewahrt als das Gold in Fort Knox. Die gewünschte Auskunft wird mit Sicherheit nicht erteilt werden.

Neben dem oben Gesagten haben auch eine Handvoll links von anderen Web sites zum #2-Ranking beigetragen. Es ist zu erwarten, daß durch die bereits anlaufende Solidaritätskampagne der Blogosphäre die Linkpopularität des beanstandeten Blogeintrages so weit ansteigt, daß dieser die Web site der Firma F. von Position-1 ablösen kann.

Zur Vermeidung sofortiger gerichtlicher Schritte haben wir Sie aufzufordern,

3. Eintragungen ihrer Website bei Suchmaschinen unter dem Suchwort “f.” unverzüglich, spätestens jedoch bis 30. März 2006, 16.00 Uhr zu löschen und uns anzuzeigen.

Der angesetzte Gegenstandswert in Höhe von EUR 250.000,- entspricht dem wirtschaftlichen Schaden unserer Mandantschaft, schon allein im Hinblick auf die verursachte Platzierung beim führenden Suchmaschinenbetreiber “google” unter dem Suchbegriff “f.”.

Wie gesagt, nur Google könnte den Eintrag dauerhaft entfernen. Es entspricht aber nicht Google’s Geschäftspolitik, solche Inhalte zu unterdrücken, wenn sie nicht nachgewiesenermaßen Urheberrechte verletzen, illegal sind, oder der rotchinesischen Zensur unterliegen. Im vorliegenden Fall dürfte keines dieser Kriterien zutreffen.

Ungeschickte und hier offensichtlich unbeabsichtigte Propaganda geht leicht nach hinten los, aber Unkenntnis schützt vor bösen Folgen nicht. Ein netter Kommentar unter dem gebloggten Erfahrungsbericht, und vielleicht ein kleines goodie als Wiedergutmachung, hätte die Angelegenheit besser, und kostenfrei geklärt. Eine solche positive Reaktion hätte den negativen touch umgekehrt, also die Kritik in eine Empfehlung verwandelt.

Dumm gelaufen ist aber auch noch etwas anderes, nämlich die Erstellung der Web site der Firma F., ein inhaltsloses frameset, dass auf suchmaschinenunfreundliche Inhalte auf einem anderen Web server verweist. Dort enthält nur die URL den Firmennamen F., keine einzige Erwähnung im indexierbaren Text der home page. Daß Firma F. überhaupt unter dem eigenen Namen gefunden werden kann, ist wiederum nur einer Handvoll links zu verdanken. Diese Internetpräsenz ist, aus der Perspektive einer Suchmaschine, ansonsten kein relevantes Ergebnis einer Suche nach “f.”.

Weder Firma F. noch deren Rechtsvertreter scheinen sich ausreichend kundig gemacht zu haben, bevor — immer noch rein “internettechnisch” betrachtet — unbeabsichtigt eine Lawine losgetreten wurde. Das ist fast unverständlich, da vermutlich Onlinebestellungen einen erheblichen Anteil am Umsatz der Firma F. ausmachen. Vielleicht sollte ich bei der Handelskammer anfragen, ob Interesse an Referenten für Informationsveranstaltungen zum Thema Internetmarketing besteht …

There’s no such thing as bad publicity, but better ways to create link bait.

Update: Das sehen scheinbar die Betroffenen inzwischen auch so, man redet miteinander. Leider ist aber bereits in wenigen Stunden ein nicht unerheblicher Imageschaden entstanden.

Filed under: DE, SEO, Marketing — Sebastian @ 2006-03-30 7:38 pm

5 Comments »

  1. Sehr intelligent. Noch einer schreibt über Sachen von denen er gar nichts weiß

    Comment by Besserwisser — March 30, 2006 @ 8:07 pm

  2. Besserwisser, ich empfehle Besserlesen. Ich bin ganz bewusst nicht auf Aspekte des Falls eingegangen, die ich nicht beurteilen kann, und habe mich jeder inhaltlichen Wertung enthalten. Was ich aber sehr wohl beurteilen kann, sind Imageschäden durch Aufmerksamkeiten der Blogosphäre, und die Funktionsweise von Suchmaschinen. Darauf habe ich mich beschränkt, wie Du oben nachlesen kannst.

    [Hörensagen]Inzwischen (s. Update-Link) stellte sich heraus, dass der ursprüngliche Stein des Anstosses wohl die Veröffentlichung der Privatadresse der Geschäftsführerin der Firma F. in einem Kommentar war. Und dass es ein Kommunikationsproblem gegeben hat, weil der Blogger nachlässigerweise diesen Kommentar nach einer entsprechenden Aufforderung nicht gelöscht hat, und es anscheinend keinen weiteren Kontaktversuch vor dem Brief des Anwalts gab.[/Hörensagen]

    Selbst wenn das zutrifft — was ich nicht beurteilen kann — habe ich meinem Artikel nichts hinzuzufügen. Aus Marketingsicht war das Vorgehen dann immer noch wenigstens ungeschickt.

    Comment by Sebastian — March 30, 2006 @ 8:57 pm

  3. Nur um hier wieder keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Das es sich um Kommentare handelt, die beanstandet wurden, habe ich durch das Schreiben am 27. März 2006 erfahren, nicht früher. Das wird momentan wohl gerne verdreht, ist aber auch eine verwirrende Geschichte gebe ich gerne zu. Mir läge es sehr die Sache außergerichtlich zu klären, wer mich kennt, weiß dass ich eigentlich nicht gern zu Streit neige :)

    Comment by Stefan Walter — March 31, 2006 @ 12:48 am

  4. Stefan, ich wünsche Dir und Firma F. viel Erfolg bei der gütlichen Einigung, und Danke für die Klarstellung. Es ist bereits genug Schaden verursacht worden, weitere Querelen sind obsolet. Alles Gute, Sebastian

    Comment by Sebastian — March 31, 2006 @ 1:05 am

  5. Vielen Dank für die verständliche Klarstellung, ich habe einiges gelernt… das könnte mir auch viele Probleme vom Hals schaffen…

    Comment by Brautkleider - Tante — December 23, 2006 @ 5:10 am

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